Surprise: Das Internet als Muse

Im Vögele Kultur Zentrum werden die Besucher nicht nur mit Kunstwerken und Fakten konfrontiert – sondern auch mit Fragen, die jeder selbst beantworten muss.

«Mom! Ich drehe gerade!», kreischt das Mädchen, empört über die elterliche Störung. Später lädt die knapp 12-Jährige das Video auf ihren YouTube-Kanal hoch. Dort wird es von Elisa Giardina Papa entdeckt und Teil von deren Installation «Need ideas!?!PLZ!!.»: Die Künstlerin zeigt Teenager, die mittels kurzen Videoclips verzweifelt nach Ideen für den nächsten Dreh fragen. «Diesen Mädchen ist die Präsenz wichtiger als der Inhalt», erklärt Simone Kobler. Gemeinsam mit Tanja Schlager hat sie die Ausstellung konzipiert. «Wir sind überzeugt, dass die digitale Revolution Chancen bietet, deren Ausmass wir aber nicht immer abschätzen können», so die beiden Frauen. Zwölf Künstlerinnen und Künstler zeigen ihre Werke. Alle sind vom Internet beeinflusst. So postete Amalia Ulman ein knappes halbes Jahr Selfies und Schnappschüsse auf Instagram: Erst unschuldig im rosafar- benen Schlafzimmer, dann als sexy It-Girl mit frisch gemachten Brüsten – und schliesslich als verheiratete Hausfrau in einer Kleinstadt. Kein Bild zeigte die Realität; die Spanierin inszeniert jedes einzelne so, dass es möglichst viele Likes erhält. «Sogar ihre Bekannten glaubten, dass die Fotos echt seien», so Kobler. Bald wird das Projekt im Tate Modern in London ausgestellt. Mit dem Spiel der Identität muss sich auch das Publikum beschäftigen. Eine der sechs Fragen, welche die Ausstellung glie- dern, lautet: «Erkennt Ihr Freund Sie in Ihrem Online-Ich?» Kobler meint: «Wir hatten schon immer verschiedene Persönlichkeiten: Wir waren im Sportklub anders als bei der Arbeit. Das Internet ist jetzt ein weiterer Ort, sich zu erfinden.»Doch auch die ungewollte Inszenierung wird thematisiert: Florian Mehnert beauftragte zwei Spezialisten, die Smartphones von Passanten zu hacken. Unbemerkt aktivierten die virtuellen Eindringlinge deren Natel- Kameras. Was diese festhielten, wird auf mehreren Tablets gleichzeitig gezeigt. «Es sind Banalitäten, aber trotzdem wurde die Privatsphäre ver- letzt», meint der Künstler. Es ist nur einer von vielen Denkanstössen, welche die Ausstellung bietet – und spätestens bei der letzten Frage, je- ner nach der digitalen Hinterlassenschaft, überlegt sich das Publikum: Wie geht es weiter?

«i.ch _ wie online leben uns verändert», noch bis 20. März 2016, Vögele Kultur Zentrum, Gwattstrasse 14, Pfäffikon SZ.

Erschienen in der Surprise am 19.02.2016

#Surprise #Ausstellung #Internet

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