Surprise: Die Welt am Genfersee

Visions du Réel, beheimatet in Nyon am Genfersee, zählt zu den wichtigsten Festivals für Dokumentarfilmproduktionen. Das Programm «Fokus» zeigt dieses Jahr, wie sich das Filmland Chile mit seiner Vergangenheit auseinandersetzt.

Seit sechs Jahren setzt Visions du Réel jeweils einen Länderfokus – in vergangenen Jahren auf Kolumbien, Bosnien und andere sich rasch entwickelnde Länder. 2016 ist es Chile. «Die Filmindustrie hat sich in den letzten Jahren in Chile stark entwickelt», sagt Festival-Direktor Luciano Barisone. «Die Demokratie beeinflusst Kunst und Kino positiv.» Das Festival zeigt nun 15 fertige Dokumentationen aus dem südamerikanischen Land und stellt fünf Filmprojekte in der Entstehungsphase vor.

Das Land, von seiner Form her eigentümich schmal, erstreckt sich über 4000 Kilometer und ist damit von einer geografischen wie sozialen Vielfalt geprägt. «Diese möchten wir am Festival entdecken», erklärt Barisone. Doch nicht nur die Diversität steht im Fokus der ausgewählten Dokumentarfilme. Viele Regisseure setzen sich mit der bewegten Vergangenheit des Landes auseinander: etwa mit dem Genozid an der Urbevölkerung durch die europäischen Einwanderer Ende des 19. Jahrhunderts und ihre bis heute andauernde Verdrängung. Oder mit der 17 Jahre dauernden Diktatur, die über 3000 Menschen das Leben kostete und während der 30 000 weitere verhaftet und gefoltert sowie Hunderttausende in die Flucht ge-trieben wurden. Erst Ende der Achtzigerjahre kam es zu einer vom Regime kontrollierten Demokratisierung. Die Regisseurin Macarena Aguilo zeigt, wie diese anderthalb Jahrzehnte Diktatur Land und Leute bis heute prägen. Zwei ihrer Filme werden in Nyon gezeigt. Ihr Debüt «The Chilean Building» erhielt vor fünf Jahren internationale Aufmerksamkeit und Auszeichnungen. Es erzählt von den Kindern, welche im Heim «Projekt Zuhause» in Kuba aufwuchsen; ihre Eltern kämpften als Anhänger des Movimiento de Izquierda Revolucionaria (MIR), der Bewegung der revolutionären Linken, gegen das Pinochet-Regime. Ein persönlicher Film: Durch die Recherche und Aufarbeitung versuchte die Regisseurin ihre eigenen Eltern zu verstehen. In ihrem neuen Dokumentarfilm «La Causa» begleitet Aguilo eine Frau, die als Kleinkind vom Geheimdienst aus ihrer Familie gerissen wurde. Jetzt wird wird der Fall neu aufgerollt. Während das Gericht tagt, ermittelt die Protagonistin auf eigene Faust. Der Film zeigt nicht nur die Überzeugung, sondern auch die Kraft, welche die Frau aus Gedanken, Büchern und Träumen schöpft.

«In den ausgewählten Dokumentarfilmen werden viele Fragen gestellt und beantwortet», erklärt Festival-Direktor Luciano Barisone. Doch nicht nur die thematische Sorgfalt des Programms ist ihm ein Anliegen: «Wir legen grossen Wert auf die Ästhetik der Filme.» Das Festival will speziell dem filmischen Nachwuchs eine Plattform bieten. Die meisten der chilenischen Regisseure sind jung und stehen am Anfang ihrer Karriere. So auch der 1991 geborene Mijael Bustos Gutiérrez, dessen Film «A Tale of Love, Madness and Death» – ein persönliches Werk über seinen schizophrenen Onkel und seine krebskranke Grossmutter – bereits international als bester Dokumentar- Kurzfilm ausgezeichnet wurde, so zum Beispiel am Krakow Film Festival oder am australischen Flickerfest. In Nyon wird auch Bustos’ «The Last Journey of a Nomad» gezeigt, der die Geschichte von Carlos Éden erzählt: Éden ist ein Kawesqar, einer der letzten Vertreter der Ureinwohner Feuerlands, die durch weisse Siedler Anfang des 20. Jahrhunderts fast vollsändig ausgerottet wurden. Heute setzt er sich für sein Volk und dessen Rechte ein und arbeitet als Aktivist in New York. Die schlechten Lebensbedingungen der Ureinwohner führen den Mann in den südlichen Teil des Landes. Während seiner Reise entdeckt Éden sein Heimatdorf neu, er spricht mit den Bewohnern und wird mit dem Verschwinden seiner Leute und Kultur konfrontiert.

Am 19. April werden fünf aktuelle Projekte von chilenischen Regisseuren und Produzenten vorgestellt. Die vielversprechendste Idee erhält den «Prix visions sud-est» dotiert mit 10000 Franken. Mit dieser Summe und der Aufmerksamkeit soll die unabhängige chilenische Filmindustrie gestärkt werden, die bereits heute eng mit europäischen Kreativen arbeitet – und trotzdem über eine eigene, faszinierende Identität verfügt.

Erschienen in der Surprise am 08.04.2016

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