Surprise: Misserfolgsstorys

Die Redner an der Fuckup Night sind alle gescheitert. Und sie sprechen darüber – offen und unterhaltsam.

Stranden, fehlschlagen, zerbrechen, auffliegen, vermasseln – wir kennen viele Wörter fürs Scheitern. Doch darüber reden? Lieber nicht! Ein Fehler, finden die Veranstalter der Fuckup Nights. Sie sind der Überzeugung: Von gefloppten Projekten kann jeder lernen. Und: Viele heute strahlende Unternehmen mussten auch schon Projekte begraben. Mittlerweile gibt es die erfolgreichen «Nächte des Scheiterns» weltweit in fast 150 Städten, seit Februar auch in Freiburg im Breisgau. Lanciert werden die dortigen Anlässe von Martina Knittel und Jonathan Niessen. Die beiden arbeiten im Freiburger Grünhof, einem lokalen Zentrum für Start-ups. «Wir sehen viele Projekte, die gar nicht realisiert werden, weil die Menschen viel zu grosse Angst vor einem Misserfolg haben», erzählt Knittel. «Diese Angst wollen wir nehmen, indem wir zeigen, dass Scheitern ein normaler Bestandteil des Lebens ist.» Knittel und Niessen kennen berufsbedingt viele Start-ups, Jungunternehmer und Kreative in der Gegend um Freiburg. Auch die Redner der ersten Fuckup Night haben die beiden Veranstalter über persönliche Kontakte gefunden. «Sie wissen, dass sie uns vertrauen können. Das ist bei diesem Format besonders wichtig», erklärt Knittel. Trotzdem musste jeder vom Auftritt überzeugt werden. «Sie sorgten sich natürlich, dass sie ausgelacht werden oder an Ansehen verlieren.» Doch das Publikum zweifelte nie daran, dass es sich bei den Rednern um fähige Unternehmer handelte. «Sie gewannen durch ihre Ehrlichkeit an Sympathie und Menschlichkeit.» Trotz des gesellschaftlichen Tabu-Themas herrschte an der rasch ausverkauften Premiere ausgelassene Stimmung. «Die Vorträge waren witzig. Das Publikum fieberte richtig mit», so Knittel. Deshalb war bald klar: Die Reihe geht weiter. Für den Abend im Mai haben die beiden Veranstalter bis anhin zwei Zusagen. Von einem Unternehmer, der vor fünf Jahren eine Shoppingplattform gegründet hat, sowie von einer Gastronomin. Deren innovatives Restaurant-Konzept stiess erst auf grossen Anklang. Nach einigen Jahren musste sie das Lokal aber schliessen. «Wir freuen uns sehr, dass wir auch eine Frau gefunden haben, die über ihre unternehmerischen Erfolge und Misserfolge berichtet. Frauen sind in der Start-up-Szene leider noch immer äusserst selten», so Knittel. Auch die weiteren Gäste werden voraussichtlich aus dieser Szene kommen. «Ich glaube, dass das Scheitern von kleineren Firmen persönlicher und deshalb interessanter ist», erklärt die Verantwortliche. Manager von etablierten Firmen, die ehrlich über ihr Versagen sprechen möchten, seien aber jederzeit willkommen. «Doch bei grossen Konzernen fühlt sich auch oft niemand für das Scheitern verantwortlich. Fehler zu gestehen ist bei solchen Managern nicht in Mode.» Ob in der vergangenen oder in der kommenden Runde der Fuckup Night: Die Redner sind zwar mit einer bestimmten Idee gescheitert und teilweise gar in finanzielle Nöte geraten. Heute sind jedoch fast alle sehr erfolgreich. «So können wir zeigen, dass es auch nach einem Absturz weitergehen kann», erzählt Knittel. «Ein weiterer Grund ist: Die Leute erzählen lieber von ihrem Scheitern, wenn sie die Krise bereits überwunden haben.» Im Mai wird jedoch eine Person auftreten, die erst kürzlich ihr Projekt aufgeben musste. Sie weiss noch nicht, wie es weitergehen wird. Knittel: «Das finden wir natürlich besonders mutig. Schliesslich kennen wir alle Momente, in denen wir entkräftet und unsicher sind.» Hätten auch die Veranstalter den Mut, selbst öffentlich über das Scheitern zu reden? «Ganz klar! Auch wir scheitern dauernd – privat und beruflich», erklärt Knittel. Das Team redet offen über die Fehler, Unsicherheiten und Ängste. «Schliesslich ist Scheitern nicht nur negativ, sondern bringt Erfahrung und Wissen.» Dieses unterhaltsam zu teilen und dem Versagen den Schrecken zu nehmen, sind die Ziele der Fuckup Nights. Die Präsentationen kommen als «Pecha Kucha»-Veranstaltung daher: Das ist die hippe Vortragsform der Nullerjahre, entstanden in der Designerszene, unterhaltsam, schnell und prägnant. Jeder Redner hat insgesamt sechs Minuten und 40 Sekunden Zeit und darf 20 Bilder zu Hilfe nehmen. Und danach geht’s mit einer Fragerunde weiter. Oder an der Bar. Ganz entspannt. Und ehrlich.


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