Züritipp: Wer macht hier sauber?

Eine rechtsradikale Partei inspirierte die griechischen Regisseure Prodromos Tsinikoris und Anestis Azas zu einem Stück, in dem fünf Putzfrauen aus ihrem Leben erzählen.

Griechenland leidet noch immer unter der Krise. Und die Theaterschaffenden? Die Lage hat sich in den letzten vier Jahren stark verschlechtert. Nur noch das Nationaltheater und ein Festival erhalten Subventionen. Viele finanzieren sich die Projekte selber und suchen sich Nebenjobs zum Beispiel in der Gastronomie.

Trotzdem scheint die Szene sehr lebendig zu sein – auch am Theater Spektakel sind drei griechische Produktionen zu sehen. Ja, wir hatten eine starke Saison. Allein in Athen gab es über 1500 Aufführungen. Die meisten sind sehr kommerziell – so wie das «Addams Family»-Musical. Viele Regisseure wollen Ablenkung bieten und die Krise und Politik vergessen.

Sie und Anestis Azas nicht. Theater ist für mich immer politisch, etwas anderes kann ich mir gar nicht vorstellen. In Griechenland ist das Dokumentationstheater aber noch nicht sehr populär. Deshalb stossen wir auch auf Widerstand.

Zum Beispiel? Wir arbeiten oft mit Laien zusammen. Es gibt Leute, die uns vorwerfen, dass diese Menschen öffentlich persönliche Dinge preisgeben, die sie gar nicht möchten. Ich bin aber überzeugt, dass wir den Zoo-Effekt vermeiden.

Wie? Schliesslich reden die Frauen, die in «Clean City» mitwirken, ziemlich offen über ihre Lebensbedingungen und Schwierigkeiten. Die Frauen sind zwar Migrantinnen, die griechische Mittelschicht findet sich in deren Problemen aber wieder. Das Thema Auswanderung betrifft aktuell auch viele Griechen.

Wieso haben die Frauen beim Projekt mitgemacht? Sie sind froh, endlich eine Stimme zu kriegen. Seit 25 Jahren wandern Menschen in Griechenland ein. Doch noch immer fehlen sie im öffentlichen Diskurs. Kein Politiker, Journalist oder Sänger hat ausländische Wurzeln.

Die Frauen arbeiten alle als Putzfrauen. Die rechtsradikale Partei Goldene Morgenröte hat mehrfach im Parlament gefordert, dass «Griechenland von Ausländern gereinigt werden muss». Wir haben uns deshalb gefragt: Wer macht in Griechenland sauber Wir sind auf viele Migrantinnen gestossen. Mit über fünfzig von ihnen haben wir für das Stück gesprochen.

Sie touren mit «Clean City» durch Europa. Wie funktioniert das Stück in anderen Städten? Gut. Wir thematisieren offen Rassismus und den Rechtsrutsch – Probleme, die auch Länder wie Frankreich und Deutschland sehr gut kennen.

WEITERE GRIECHENLAND-HIGHLIGHTS AM THEATER SPEKTAKEL

RELIC Der Performer Euripides Laskaridis wird in «Relic» zu einer schussligen Dame mit Mickey-Mouse-Ohren, die eine unverständliche Sprache spricht und abstruse Mode liebt. Mo 29.8. und

PLANITES Die griechische Choreografin Patricia Apergi erfindet mit der Aerites Dance Company eine Stadt, die voller Leben und Hoffnung, aber auch einsam und verloren ist. Fünf starke Tänzer kämpfen darin um das Überleben und um eine eigene Identität.

Erschienen im Züritipp am 25.08.2016

#Züritipp #Bühne #ZürcherTheaterSpektakel

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